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Berlinale 2017
Desillusionierte Filmwelt

Ratlosigkeit, Pessimismus und das Ringen um politische Haltung bestimmten die diesjährige Berlinale.

Die 67. Berlinale bescherte einem vor allem eins: eine halbe Depression. Es waren die emotionalen Welten in den Geschichten, ja, die Protagonisten selbst, die das auslösten: Leere und Sinnlosigkeit, Isolation und menschliche Verrohung, fehlender Glaube an das Gute im Menschen bzw. überhaupt an irgendetwas Positives, erst recht an Gesellschaft oder Politik. Dieter Kosslick, der immerzu verschmitzt lächelnde Festivaldirektor, hatte es in seinem Vorwort vorweg genommen: „Ratlosigkeit als Folge des offensichtlichen Scheiterns der großen Utopien und der Entzauberung der globalisierten Welt.“ Die Filme des Wettbewerbs vermittelten weder eine positive Vision noch bestachen sie durch ihre Heiterkeit, Selbstironie oder aber ihrem vibrierenden Leben. Die Welt: Ein Ort der Überforderung? Inspiration, künstlerische Extravaganz oder faszinierende, neue filmische Ansätze suchte man jedoch auch vergebens - oder vielleicht ein überraschendes Ende. Inzwischen leben wir jedoch filmisch in einer Zeit, in der sogar das Filmende in der Regel offen bleibt oder die Haltung der Regisseurin/ des Regisseurs.


Fi_ColoIn COLO (Teresa Villaverde) wird das ganze Elend der portugiesischen Wirtschaftskrise deutlich. Es gibt sie noch, die Familie, sie hält auch noch irgendwie zusammen, aber längst hat die alles bestimmende Armut, bedingt durch die Arbeitslosigkeit des Vaters, ihren Tribut gefordert. Die Familie hat jede Freude und Leichtigkeit verloren. Der Vater ist voller Selbstzweifel und Ängste, sobald seine arbeitende Frau etwas später nach Hause kommt, bekommt er Panikattacken. Die einzige Tochter fühlt sich von der Welt, ja, sich selbst emotional abgeschnitten, da hilft auch das Ritzen des eigenen Bauches nichts. Man hätte sich der Geschichte mehr Wut und Energie gewünscht, doch die resignative Ruhe und Apathie der Protagonisten sowie eine leider wenig hergebende Geschichte, sind am Ende nur bedrückend. Sieht so das neue politische europäische Kino aus? Oder nehmen wir HELLE NÄCHTE (Thomas Arslan), ein schlechtes Beispiel der Berliner Schule, der der Regisseur bekanntlich angehört. Der aus Österreich stammende, in Berlin lebende Michael, ein desillusionierter End-Vierziger, hat schon seit Jahren ein Nicht-Verhältnis zu seinem Sohn Luis, der bei Michaels Ex-Frau lebt. Nach dem Tod von Michaels Vater reisen beide zur Beerdigung nach Norwegen. Ein langatmiger Film über den vergeblichen Versuch Michaels, eine neue Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Dass es am Ende einen Silbernen Bären für den Film gab, lag an der (wieder einmal) grandiosen Leistung von Georg Friedrich, der den wütend-reuigen Michael auf der Suche nach Vergebung und Neubeginn gewohnt facettenreich spielt - zurecht wurde er dafür als Bester Schauspieler ausgezeichnet.

F_-On-the-beachSein weibliches Pendant ist die Koreanerin Kim Minze, die für ihre Leistung in Hong Sangsoos Drama ON THE BEACH AT NIGHT ALONE als Beste Schauspielerin prämiert wurde. Sie spielt die erfolgreiche Schauspielerin Younghee als innerlich ausgebrannte, mit sich selbst hadernde junge Frau, die nach einer missglückten Affäre in Hamburg neue Inspiration sucht, nach Korea zurückkehrt, um den Geliebten zur Rede zu stellen, innere Ruhe jedoch erst am Meer finden kann. Zurecht ging der Große Preis der Jury an Alain Gomis für FELICITE, ein feines, kongolesisches Drama über eine starke Barsängerin, die ihre Kraft aus der Musik schöpft. Leider verliert sich der Film in der zweiten Hälfte. Unverständnis löste die Wahl Agnieszka Hollands (SPOOR) für den Alfred-Bauer-Preis aus, der einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet, auszeichnet. SPOOR ist aber nur ein sehr in die Länge gezogener, feministisch angehauchter polnischer Rachethriller über eine Tierliebhaberin, neue Perspektiven suchte man hier vergeblich.

Es waren schließlich zwei Filme, die im Wettbewerb herausragten. Zum einen die hinreißende Liebesgeschichte ON BODY AND SOUL der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die in einem Schlachthaus in Budapest spielt. Ein Film, der Mut macht zur Liebe. Ein Film, der Hoffnung zuliess. Zwei einsame, in sich zurück gezogene Menschen finden zueinander, begleitet von poetischen Träumen in einer wunderschönen Naturlandschaft, die auf eine Seelenverwandtschaft hindeutet. Nach 42 Jahren geht der Goldene Bär für den Besten Film damit erstmals wieder nach Ungarn und das in den Händen einer Regisseurin. Der zweite bemerkenswerte Film ist DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG des Finnen Aki Kaurismäki, bei dem der Regiemeister etwas ganz Wesentliches schafft: Er zeigt Haltung in einer Zeit der Alles-ist-relativ und alternative-facts-Debatten. Die melancholische Komödie schildert eindrücklich und bewegend das Schicksal des syrischen Flüchtlings Khaled, der nach einer Odyssee um die halbe Welt in Helsinki strandet. Es geht aber auch um den Neubeginn von Wikström, der sein altes Leben hinschmeisst, um ein Restaurant in Helsinki zu eröffnen und Khaled nach anfänglichem Misstrauen dabei die Chance auf ein neues Leben gibt. Kaurismäkis feine Mischung aus Poesie, Humor und Philosophie funktioniert wunderbar: „Wir müssen begreifen: Wir sind alle Menschen. Jetzt sind andere auf der Flucht, morgen können wir Flüchtlinge sein.” Den Silbernen Bären für die beste Regie hatte sich Kaurismäki damit mehr als verdient. Die Welt: Sie kann und sollte besser sein als sie ist. Vor allem zur Zeit.

Elena Diesbach

 

Berlinale 2013
Filme aus Osteuropa beeindrucken

19 Filme konkurrierten um den Goldenen Bären der diesjährigen 63. Berlinale, doch weil sich keiner so richtig aufdrängte, war die Entscheidung der Jury für den rumänischen Beitrag „Child’s Pose“ von Calin Peter Netzer am Ende zwar eine Überraschung, doch keine, die einen echten Diskurs auslöste.

childs-poseZum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale geht der Goldene Bär nach Rumänien – eine kleine Sensation. Doch es ist berechtigt, dass der Goldene Bär nach Osteuropa geht, denn die stärksten Filme des Wettbewerbs kamen alle von diesen mit den Folgen des Kommunismus noch immer kämpfenden Ländern. Mit eindrucksvoll verwackelter Kamera inszeniert Calin Peter Netzer in „Child’s Pose“ die monströse Mutterliebe, mit der die neureiche Cornelia (Luminita Gheorghiu) ihren erwachsenen Sohn erdrückt und wie sie alle Hebel in Bewegung setzt, um ihn nach einem dramatischen Verkehrsunfall vor dem Gefängnis zu bewahren. Dabei ist sie einem keineswegs sympathisch, nein, man findet diese Frau ziemlich furchtbar, aber am Ende packt sie einen dann doch. Parallel dazu durchzieht die Macht der Korruption den gesamten Film. Harter Tobak, nicht der große Knaller, den man vielleicht vermutet, aber immer authentisch. Ähnliches kann man vom zweiten Gewinner des Wettbewerbs (mit 2 Silbernen Bären für den Grossen Preis der Jury und den Preis für den Besten Darsteller für Nazif Muji) sagen: Dem bosnisch-herzegowini- schen Beitrag „An Episode in the Life of an Iron Picker“ von Danis Tanovi. Ein kleiner,  nachdenklich machender Film über die sogenannten Verlierer in Osteruropa. Budget 17.000 Euro. Eigentlich hatte der bereits mit einem Oscar gekürte DanisTanovi einen Dokumentarfilm drehen wollen zu einer Zeitungsnotiz, die er gelesen hatte: Eine bosnische Roma-Frau war beinahe gestorben, weil sie ohne Krankenversicherung eine lebensnotwendige Operation nicht zahlen konnte. Als Tanovi die Familie dann kennenlernte, änderte er seinen Plan und ließ die Familienmitglieder die ganze Geschichte in einem fiktionalen Format selbst spielen. Ein großes Wagnis, das aber gut ausging, weil alle völlig glaubwürdig und unaufgeregt vor der Kamera agieren. Dann der russische Film „A Long and Happy Life" von Boris Khlebnikov, der in nur 77 Minuten viel existenzieller von Landenteignung und Armut erzählt als Gus Van Sants mit großem Aufwand gedrehter und mit Matt Damon und Frances McDormand auch toll besetzter „Promised Land" in 106 Minuten, der auch im Wettbewerb lief.
Solange die Berlinale es schafft, starke europäische oder asiatische Filme als Premieren in ihren Wettbewerb zu bekommen, solange kann sie auch damit leben, dass die spannenden großen US-Produktionen (und Stars) Berlin nur noch als Gäste beehren. Das betraf dieses Jahr z.B. das Feel-Good-Movie „Before Midnight“ von Richard Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke, immerhin bekam Linklater überraschend die Berlinale Kamera als kleines Dankeschön für seine Treue. Die Berlinale war ja schon immer ein politisches Festival und das ist ein echtes Plus. In diesem Jahr sorgte die Wettbewerbsteilnahme von „Closed Curtain" des im Iran mit Berufsverbot belegten iranischen Regisseurs Jafar Panahifür viel berechtigte Aufmerksamkeit (die iranische Regierung hat sich inzwischen offiziell über die Aufnahme von Panahis Film bei der Berlinale beschwert). Die minimalistische Selbstinszenierung des Regisseurs in einem als goldenen Käfig zu bezeichnenden Ferienhaus, beeindruckte durch sein klares Statement: Ohne Freiheit ist kreatives Arbeiten unmöglich. Die Jury zeichnete Panahis illegal außer Landes geschmuggelten Film mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch aus.
Der einzige Film, der wegen seiner Leichtigkeit einen gewissen Hype bei Presse und Publikum erlebte, war der chilenische Film „Glorìa“ von Sebastián Lelio, doch hier konnte die entzückende Pauline García immerhin einen Silbernen Bären für die beste Darstellerin in ihrer Rolle der Glorìa bekommen – und die hat sie auch verdient. Ihre Darbietung der an sich tief traurigen Frau von 58 Jahren, die niemals aufgibt, die immer auf der Suche ist nach ihrem place in the sun, die findet, dass das Glück ihr zusteht und dies nicht trotz, sondern wegen all der durchlittenen Schicksalsschläge, das ist wirklich großes Festivalkino. Und dass der Regie-Preis der Berlinale an den US-Independent-Filmemacher David Gordon Green für seine lakonische Komödie „Prince Avalance“ ging, war eine ebenso nachvollziehbare Entscheidung der Jury. Der Film, der ein Remake des isländischen Films „Either Way“ (2011) ist, lebt vom Timing im Spiel seiner Protagonisten Alvin (großartig: Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch). Während man die beiden bei ihrer monotonen Arbeit in einem von Bränden zerstörten, menschenleeren Waldgebiet beobachtet, erlebt man auf heitere, aber immer realitätsnahe Weise, wie die beiden ungleichen Männer langsam zu Freunden werden. Dass nun große Regisseure wie Steven Soderbergh mit seinem wahrscheinlich letzten Film „Side Effects“ (einem unausgegorenen, Star-besetzten Pharmazie-Thriller), Bruno Dumonts mit großer Spannung erwarteter „Camille Claudel 1015“ (mit einer beeindruckenden Juliette Binoche) oder Fredrik Bonds Star-besetztes Debüt "The Necessary Death Of Charly Countryman" sowie die zwei deutschen und asiatischen Beiträge allesamt nicht prämiert wurden, lag ganz einfach daran, dass sie allesamt enttäuschten. Zur Berlinale

Elena Diesbach

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