CEZANNE

AUSSTELLUNG: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte widmet die Fondation Beyeler eine Einzelausstellung Paul Cezanne (1839–1906).

 

Cezanne Garcongiletrouge 18Le garçon au gilet rouge, 1888–1890. Öl auf Leinwand, 79,5 x 64 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus ZürichPaul Cezanne zählt unbestritten zu den einflussreichsten Künstlern des 19. Jahrhunderts. Mit rund 80 Werken konzentriert sich die Ausstellung auf die letzte und bedeutendste Phase im Schaffen des französischen Malers und zeigt Cezanne in Hochform: Zu sehen sind geheimnisvolle Porträts, paradiesische Badende, Sehnsuchtslandschaften aus der Provence und sein Lieblingsberg, die Montagne Sainte-Victoire, die der Künstler in immer neuen Ansichten darstellte. In seinem Atelier im Süden Frankreichs brachte Cezanne mit meisterhaftem Gespür Licht, Farbe und Form in ein kraftvolles Spannungsverhältnis. Er gestaltete revolutionäre Bilder, die Generationen von Künstlern und Künstlerinnen bis heute inspirieren. Die Ausstellung macht anschaulich, wie Cezanne die Malerei veränderte und er so, wie Pablo Picasso sagte, zum «Vater von uns allen» wurde.Anhand von 58 Ölgemälden und 21 Aquarellen aus renommierten institutionellen und privaten Sammlungen aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, England, Spanien, den Niederlanden, Dänemark und den USA ermöglicht es die Ausstellung den Besucherinnen und Besuchern, Cezannes bahnbrechendes Spätwerk zu erleben.

 

Höhepunkte der Ausstellung
Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Zusammenführung von neun Ansichten der Montagne Sainte-Victoire sowie die gemeinsame Präsentation der beiden seltenen Kartenspieler: zum einen das bekannte Werk aus der Courtauld Gallery in London, zum anderen die ebenfalls legendären Kartenspieler aus dem Musée d’Orsay in Paris. Darüber hinaus sind 14 der vielgerühmten Früchtestillleben des Künstlers sowie acht herausragende Porträts und Selbstporträts zu sehen. Mit La pierre à moudre au parc du Château Noir (La meule) (Der Mühlstein im Park des Château Noir (Der Mühlstein)), 1892–1894, wird zudem ein bedeutendes Werk aus Philadelphia präsentiert, das noch nie zuvor nach Europa ausgeliehen wurde. Ein besonderes Ereignis bildet die erstmalige Gegenüberstellung zweier Aquarellfassungen des Knaben mit der roten Weste. Gezeigt werden zudem mehrere Arbeiten, die seit Jahrzehnten nicht mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurden, darunter das um 1895 geschaffene Portrait de Paul Cezanne (Bildnis Paul Cezanne). Gezeigt wird zudem eine Vielzahl der bewusst offen belassenen Gemälde, bei denen Cezanne Teile der Leinwand unbemalt liess, sowie über 30 Landschaftsbilder der Provence. Zeitlich setzt die Ausstellung in der Mitte der 1880er-Jahre ein. Damals hatte sich Cezanne von der Auseinandersetzung mit dem Impressionismus emanzipiert und zu dem Stil gefunden, der ihn zu einer Schlüsselfigur der Moderne macht.

 

Cezanne und seine MotiveCezanne Naturemorte um 1900Nature morte avec crâne et chandelier, um 1900, Stillleben mit Totenkopf und Leuchter, Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm. Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1955. Foto: bpk / Staatsgalerie Stuttgart
Der aus Aix-en-Provence stammende Künstler hatte um die Jahrhundertwende einen radikalen Neuanfang der Kunst gewagt, indem er die Malerei von traditionellen Konventionen wie der Zentralperspektive oder der Darstellung der Anatomie befreite. Cezannes erklärtes Ziel war es, nicht mehr die Natur abzubilden, sondern den Vorgang des Malens von Motiven der Natur in seinen Werken zu analysieren und anschaulich zu machen. Aus dieser neu gewonnenen künstlerischen Freiheit heraus wandte sich Cezanne verstärkt jenen Motiven zu, die sein weiteres Schaffen bestimmen sollten, allen voran die Landschaft seiner provenzalischen Heimat. Gerade dort fand er jenes Experimentierfeld, auf dem er seine Vorstellungen von einer erneuerten Malerei weiterentwickeln und entfalten konnte. In Cezannes Werk war die Landschaft der Provence weit mehr als eine malerische Kulisse; sie wurde zum Herzstück einer neuen, modernen Bildsprache. Mit seinen Ansichten der Montagne Sainte-Victoire und der Wälder im südlichen Licht prägte Cezanne nicht nur die Entwicklung der Kunst, sondern auch die Art und Weise, wie die Region bis heute wahrgenommen wird. Seine Bilder machten die Provence zu einem Sehnsuchtsort, in dem Natur, Stille und zeitlose Schönheit miteinander verschmelzen. Indem Cezanne die Landschaft in kraftvolle Farben übersetzte, verlieh er ihr eine ikonische Ausstrahlung, die weit über die Malerei hinauswirkt. Für heutige Betrachterinnen und Betrachter offenbart sich in seinen Provence-Motiven sowohl die Wurzel der Moderne als auch jener magische Zauber, dem die Region ihre ungebrochene Anziehungskraft verdankt.

 

Die Natur
Die Montagne Sainte-Victoire liess Paul Cezanne nicht los. Immer wieder stellte er seine Staffelei vor dem Berg auf, weil er in ihm ein ideales Testfeld für seine zentrale künstlerische Frage erblickte: Wie kann man die Welt so malen, wie man sie wirklich erlebt? Für Cezanne bedeutete das, die Natur nicht einfach abzubilden, sondern ihre Klarheit, ihre Farben und ihre Stimmungen sichtbar zu machen; Kunst als Parallele zur Natur. Zwischen den 1880er-Jahren und seinem Tod malte er die Montagne Sainte-Victoire etwa 30 Mal in Öl und fertigte zahlreiche Aquarelle an. Sieben Ölgemälde und zwei Aquarelle mit Ansichten des Bergs werden in der Ausstellung der Fondation Beyeler nun vereint. An der Montagne Sainte-Victoire erprobte Cezanne seine Technik, Bilder auf der Leinwand zu konstruieren. Er malte keine Objekte, wie er sie kannte, sondern das, was er unmittelbar sah: reine Farbempfindungen («sensations colorantes»), die er mit farbigen Pinselstrichen («taches colorées») auf die Leinwand übertrug. So untersuchte er, wie Formen allein durch Farbe entstehen können. Ein weiteres zentrales Motiv der Ausstellung sind die Badenden, ein Thema, das Paul Cezanne immer wieder aufgriff und variierte, indem er das Verhältnis zwischen Mensch und Natur auslotete. Anstatt idealisierte Figuren darzustellen, verwob Cezanne Körper und Landschaft so eng miteinander, dass die Badenden in den Rhythmus der Bäume übergehen, die Kurven des Flussufers aufnehmen oder gleichsam wie Pflanzen aus dem Boden wachsen. Diese stille Verschmelzung verleiht den Szenen ihre besondere Spannung: Die Figuren sind präsent und gleichzeitig kurz davor, im Gelände aufzugehen. Cezannes Badende verbinden die klassische Tradition der Aktmalerei mit einem modernen Verständnis von Form und Raum.

 

Die Stillleben
Auch in den Stillleben Paul Cezannes zeigt sich sein unermüdliches Bestreben, die sichtbare Welt in eine stabile, beinahe zeitlose Ordnung zu überführen. Was auf den ersten Blick als schlichtes Arrangement aus Äpfeln, Birnen, Orangen, Krügen, Karaffen, Broten und sorgfältig drapierten Tüchern erscheint, entpuppt sich als Bühne für eine eingehende Erkundung von Form, Farbe und Gleichgewicht. Neben seinen Stillleben mit Früchten und Gefässen widmet sich die Ausstellung auch Cezannes Auseinandersetzung mit dem Motiv des Totenkopfs, das eine existenzielle Dimension seines Schaffens widerspiegelt. Anders als die Arrangements von Obst und Tüchern ist der Totenkopf kein bloss dekoratives Objekt, sondern ein Symbol für Vergänglichkeit und die Grundfragen der menschlichen Existenz. Der Schädel wird zu einer konzentrierten Form, dessen Gewicht, Schatten und Kontur die gleiche Aufmerksamkeit zuteilwird wie bei den Gegenständen seiner Stillleben. In diesen Gemälden verschmilzt die materielle Realität des Gegenstands mit einer Reflexion über Zeit, Sterblichkeit und die bleibende Struktur der Welt.

 

Anliegen der Ausstellung
Die Ausstellung versucht zu zeigen, wie Cezanne die Strukturen seiner Bilder sichtbar macht und damit die Betrachtenden einlädt, sich mit seinem Malprozess auseinanderzusetzen und daran zu partizipieren. Insbesondere betrifft das die Werke, die unvollendet erscheinen. In ihnen nahm sich der Künstler die Freiheit, Teile der Leinwand unbemalt zu lassen, und gerade im Unvollendeten erzielte er eine neue Harmonie. Diese Kompositionen kennzeichnet eine Art offenes Ende, das den aktiv Betrachtenden die Möglichkeit gewährt, sie in ihrer Vorstellung gedanklich selbst weiter zumalen und zu vervollständigen. Angeregt davon, wird den Besuchenden am Ende des Ausstellungsrundgangs die Gelegenheit geboten, die von Cezanne zu grosser Meisterschaft geführte Aquarelltechnik selbst zu erproben. Die Einrichtung eines Ateliers im Museumsraum zielt darauf ab, das vom Künstler entwickelte Verfahren nicht nur visuell, sondern auch praktisch erlebbar zu machen. (Text: Fondation Beyeler / gekürzt)

INFO: Bis 25.05.26, Fondation Beyeler , Baselstrasse 77, Riehen/Basel. Öffnungszeiten: Täglich von 10 - 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.

 

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