KRITIK: Im Theater Harrys Depot hatte am 31. Januar das Stück „Nein zum Geld“ Premiere, das jetzt bis Mitte März zu sehen ist.
Jakob Stöckeler, Stefan Kosakiewicz-Dorer, Cheyenne Fliehler, Marie-Charlotte Bonfiglio. Fotos: Harrys „Nach Geld drängt, am Geld hängt, doch alles.“ So wird ein deutscher Dichterfürst, in leichter Abwandlung, gerne zitiert. Alle wollen es und doch ist es lokal und global höchst ungleich verteilt. Was aber, wenn jemandem, sagen wir einmal einem Angehörigen der französischen Mittelschicht, ein satter Millionengewinn in Form eines Lottoscheines in den Schoß fällt? Er ist zunächst einmal überfordert.
Eine rasante Komödie wird dies aber erst, wenn dieser Jemand Richard heißt und seinem unmittelbaren Umfeld erklärt, er habe den Gewinn abgelehnt. Richard (mit vollem Körpereinsatz: Jakob Stöckeler) ist zwei Monate in Klausur gegangen und hat alleine für sich entschieden, dass Geld korrumpiert, Freundschaften zerstört und zurückgewiesen werden muss. Als der Lottogewinner im Kreis seiner Lieben auch noch die Zahl 162 Millionen fallen lässt, ist die, pardon, Kacke am Dampfen. Bei Ehefrau Claire (Cheyene Fliehler), Schwester Rose (Marie-Charlotte Bonfiglio) und Freund Etienne (Stefan Kosakiewicz-Dorer) verabschieden sich im Handumdrehen Contenance und bürgerliche Fassade. Der Philanthrop wird von seinen Nächsten mit Sarkasmus, Vorwürfen und bald offener Aggression konfrontiert. Immer grotesker wird der Tanz ums Goldene Kalb, bei dem die Akteurinnen und Akteure keine verbale Verrenkung auslassen und sich ein moralischer Höllenschlund auftut. Regisseurin Barbara Zimmermann hat das makabre Spiel um den dünnen Firnis der Zivilisation aus der Feder der französischen Theaterregisseurin Flavia Coste, routiniert und temporeich in Szene gesetzt. Die kleinste Bühne in Freiburgs Theaterszene, wo man sogar in der letzten Reihe noch jedes Fältchen und jede Schweißperle auf den Gesichtern der Darstellenden ausmachen kann, hat mit dieser fulminanten Beziehungskiste ihrem guten Ruf alle Ehre gemacht. Jakob Stöckeler gibt seinen Richard als selbstzufriedenen Couch-Potato, der eigentlich nur möchte, dass alles so bleibt wie es ist. Cheyene Fliehler als seine Gattin, die gerade noch mit den hohen Kita-Gebühren kämpfte, steht das Entsetzen über die abgelehnten Millionen ins Gesicht geschrieben. Marie-Charlotte Bonfiglio, Schwester des Beinahe-Millionärs ist ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit und männlichem Beistand. Stefan Kosakiewicz gibt seinen Etienne, einen hochverschuldeten Bauunternehmer mit Melancholie, die sich bald zur Mordlust wandelt.
Final bleibt die Frage im begeisterten Publikum hängen, wo man selbst, im Erlebensfall läge. Beim geächteten Menschenfreund auf dem Sofa oder als Millionär am Strand von Waikiki.
Rüdiger Binkle
Weitere Vorstellungen: Fr 06./ So 08./ Sa 14./ So 15.02./ Sa 21./So 22./Sa 28.02. sowie So 01.03./ Sa 07./ So 08./ Sa 14./ So 15. und So 22.03., Freitag u. Samstag um 20.00 Uhr. NEU: sonntags um 18.00 Uhr. Theater Harrys Depot, Wilhelmstr. 15, Freiburg. VvK: Buchhandlung Jos Fritz. Karten-Reservierung: www.ensemble-harry.de oder E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! u.Tel: 01577 97 09 269.
