Plastik. Die Welt neu denken

AUSSTELLUNG: Mit der großen Ausstellung »Plastik. Die Welt neu denken« untersucht das Vitra Design Museum ab 26. März die Geschichte, Gegenwart und Zukunft eines kontroversen Materials.

Vom rasanten Aufstieg der Kunststoffe im 20. Jahrhundert über ihre verheerenden Folgen für die Umwelt bis hin zu Lösungsansätzen für einen nachhaltigeren Umgang mit Plastik. Gezeigt werden unter anderem Raritäten aus der frühen Moderne, Objekte der Pop-Ära, aber auch zahlreiche aktuelle Entwürfe und Projekte, darunter pragmatische Innova tionen, Initiativen zur Säuberung der Ozeane, Konzepte zur Wiederverwertung sowie Bioplastik auf Basis von Algen oder Pilzzellen. Zum Auftakt der Ausstellung veranschaulicht eine großformatige Filminstallation, welche Konflikte sich aus der Produktion und Nutzung von Plastik ergeben. Im weiteren Verlauf der Ausstellung stehen die Entwicklung der Kunststoffe und ihre Wahrnehmung im Fokus – von den Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen globalen Allgegenwart von Plastik. Die ersten Vorläufer basierten auf pflanzlichen und tierischen Rohstoffen: So wurden für die Gestaltung von Trinkgefäßen oder Besteck jahrhundertelang Horn und Schildpatt genutzt. Das einst für Dekorationsobjekte und Seekabelisolierungen verwendete Guttapercha wiederum besteht aus dem eingedickten Saft des gleichnamigen Baumes. Als John Wesley Hyatt in den 1860er Jahren das Zelluloid erfand, war er auf der Suche nach einem neuen Material für Billardkugeln, die damals noch aus Elfenbein gefertigt wurden. Der erste vollsynthetische Kunststoff wurde 1907 von Leo Baekeland erfunden, trug den Namen Bakelit und galt schon bald als Material der unbegrenzten Möglichkeiten. Wegen seiner guten Isoliereigenschaften wurde Bakelit für Lichtschalter, Steckdosen und Radios verwendet und spielte eine zentrale Rolle bei der flächendeckenden Elektrifizierung. Während die ersten Kunststoffe oft von Tüftlern und einzelnen Erfindern entwickelt wurden, nahm ab den1920er Jahren mit Firmen wie Dow, Du Pont, Imperial Chemical Industries oder der IG Farben die rasch wachsende petrochemische Industrie eine führende Rolle ein: Die Epoche der »Petromoderne« hatte begonnen.
Mit der zunehmenden Faszination für die Raumfahrt rückte das utopische Potentia von Plastik in den Vordergrund, das sich in futuristischen Formen und neuen Wohnkonzepten widerspiegelte. So gestaltete Eero Aarnio mit dem »Ball Chair« (1963) eine Privat-Raumkapsel, Gino Sarfattis »Moon Lamp« (1969) verweist auf die Mondlandung und das »Toot-a-Loop« (1971), ein Kunststoffarmreif mit eingebautem Radio, war das erste tragbare Elektrogerät. Etwa zeitgleich begann auch der Siegeszug der Plastiktüte. Von der Verpackungsindustrie befeuert und von Konsumenten bald massenhaft genutzt, wurde die Plastiktüte zum Synonym einer bisher nie dagewesenen Wegwerfmentalität. Die Folgen des Kunststoff-Booms haben sich in unser kollektives Bewusstsein eingebrannt: von Mikroplastik im Boden, in den Weltmeeren und in unserem Körper bis hin zu Bergen von Verpackungsmüll, der auch heute noch immer zum Großteil entsorgt oder verbrannt wird – mit immensen ökologischen Konsequenzen auf globaler Ebene. (Quelle: Vitra Design Museum)

INFO: Sa 26.03. - 4.09.22, Vitra Design Museum, Charles-Eames-Straße 2, Weil am Rhein, T 07621-702.3200.

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